Agroforst “Tannerbrünneli”
| Ort | Stammheim |
| Auftraggeberin | Bio Rathgeb AG |
| Planung | 2021 |
| Aufbau | 2022 - 2023 |
Entwicklung eines mehrjährigen Anbau- und Ernährungssystems im Stammertal
Am Dorfrand von Stammheim Richtung Hüttwilen liegt die rund 5700 m² grosse Parzelle «Tannerbrünneli» des Biobetriebs Rathgeb. Initiiert wurde das Projekt von Esther Rathgeb, Cornelia Mori und Silvia Erzberger, mit dem Auftrag an den Landschaftsarchitekten Matthias Brück, dort ein langfristig tragfähiges Agroforstsystem mit mehrjährigen Nahrungspflanzen aufzubauen.
Struktur der Anlage
Das Gelände befindet sich an einem Südhang und ist in drei Anbauflächen gegliedert. Diese werden von Wild- und Naschhecken gefasst, entlang der Strasse schützt ein Streifen aus Feingraschinaschilf (Miscanthus sinensis Gracillimus).
Die unterste Anbaufläche dient als primärer Versuchsbereich. Hier werden zahlreiche Arten und Sorten zunächst in kleinen Stückzahlen kultiviert, um Wuchsverhalten, Vitalität, Pflegeaufwand, Geschmack und Ertrag real zu beurteilen. Bewährte Pflanzen von dort werden anschliessend in grösseren Mengen auf den beiden weiteren Feldern etabliert. Durchaus werden hier auch mehrere Sorten einer Art dabei erprobt.
Ein Beispiel ist die Taglilie: Aus vier getesteten Sorten entstanden 25 Sorten im erweiterten Versuch, aus denen später drei bis fünf besonders geeignete Kandidaten für grossflächige Agroforst-Bestände ausgewählt werden. Der selbe Ablauf wurde ein Jahr später mit dem frostharten Myoga-Ingwer wiederholt. Dabei werden ebenso verschiedene Sorten als auch identische Sorten bewusst aus unterschiedlichen Bezugsquellen gepflanzt, um neben der Sorteneignung auch die Zuverlässigkeit der Anbieter zu prüfen. Ein wichtiger Punkt, wenn die Sortenechtheit manchmal nicht sicher ist oder einfach die grundlegende Qualität innerhalb einer Sorte unterschiedlich ist.
Mehrjähriges Gemüse, seltenes Obst und Gewürze
Die Pflanzenauswahl orientiert sich gezielt an vertrauten Geschmacksrichtungen der regionalen Kosumenten wie Kohl-, Zwiebel-, Ingwer-, Pfeffer- oder Pilzaromen. Verwendet werden gering domestizierte Kultursorten, Wildarten und ebenso einheimische Wildarten, sowohl bei Stauden als auch bei Gehölzen.
Ein Beispiel ist das in der Schweiz häufig vorkommende Taubenkopf-Leimkraut (Silene vulgaris). Vielen bekannt als Wildpflanze in Wiesen oder Ruderalen, wird es in Italien als Gemüse „Stridolo“ gesammelt oder gezielt angebaut zur kulinarischen Verwendung.
In der Tabelle befindet sich eine Auswahl von mehrjährigen Arten und Sorten, die im Tannerbrünneli angebaut werden.
| Deutscher Name | Botanischer Name |
|---|---|
| Altai-Lauch | Allium altaicum |
| Winterheckenzwiebel | Allium fistulosum |
| Etagenzwiebel | Allium x proliferum |
| Japanischer Spargel, Udo | Aralia cordata |
| Waldaster | Aster divaricatus |
| Grossblättrige Aster | Aster macrophyllus |
| Helgoländer Wildkohl | Brassica oleracea Helgoländer Wildkohl |
| Gelber Brokkoli | Brassica oleracea var. botrytis Nine-Star |
| Ewiger Kohl | Brassica oleracea var. ramosa Daubendorn |
| Breitblättriges Weidenröschen | Chamerion latifolium, syn. Eryngium |
| Meerkohl, in verschiedenen Sorten | Crambe maritima |
| Persimon & Kaki, in verschiedenen Arten & Sorten | Diospyros spp. |
| Ölweide, in verschiedenen Arten & Sorten | Elaeagnus spp. |
| Ausdauernder Buchweizen | Fagopyrum cymosum, syn. dibotrys |
| Taglilien, in verschiednenen Arten & Sorten | Hemerocallis spp. |
| Funkien, in verschiedenen Sorten | Hosta spp. |
| Nashi-Birnen, in verschiedenen Sorten | Pyrus pyrifolia |
| Wald-Ziest | Stachys sylvatica |
| Rosa Gemüsebaum | Toona sinensis Flamingo |
| Szechuan-Pfeffer, in verschiedenen Arten | Zanthoxylum spp. |
| Myoga-Ingwer, in verschiedenen Sorten | Zingiber mioga, v.a. die Sorte Crug’s Zing |
| Jujubafrucht, Chin. Datteln, in verschiedenen Sorten | Ziziphus jujuba |
Herangehensweise und Bodenaufbau
Im ersten Jahr wurden die Pflanzflächen mit Waldstaudenroggen (Secale multicaule) eingesät. Er lockert den Boden tiefgründig und liefert bereits im ersten Standjahr Mulchmaterial. Künftig werden offene Bereiche in den Anbauflächen zusätzlich mit Schnitt vom Feingraschinaschilf sowie vom Gemüse-Beinwell (Symphytum x uplandicum Bocking 4) abgedeckt, der mehrere Funktionen in Nährstoffdynamik und Bodenaufbau übernimmt.
Das Tannerbrünneli ist daher kein fertiger Garten, sondern ein kontinuierlich wachsender Erfahrungs- und Produktionsraum, der sich aus Beobachtung, praktischer Arbeit und Nutzung entwickelt.
Nutzung und Perspektiven
In den Jahren 2024/2025 konnten erste hochwertige Lebensmittel an innovative Zulieferer der gehobenen Gastronomie geliefert werden, darunter Taglilien, Triebe des Gemüsebaums, Beeren verschiedener Korallen-Ölweiden-Sorten, Gemüse-Beinwell, Nashi-Birnen, Ausdauernder Buchweizen, Blätter des Szechuan-Pfeffers sowie Myoga-Ingwer. Die Mengen sind anfangs klein, werden von Köchen jedoch sehr geschätzt. Gleichzeitig fliessen deren Rückmeldungen direkt in die weitere Pflanzenauswahl ein. Oft zeigt sich, dass die intensiven Aromen nur minimale Verarbeitung benötigen.
Ab diesem Jahr werden ausgewählte, bewährte Kulturen schrittweise in die Jahresprogramme einzelner Restaurants integriert. Landwirtschaft und Verarbeitung greifen dabei ineinander: Gute Produktion orientiert sich neben dem ökologischen anbau ansich, auch an geschmacklicher Qualität und ernährungsphysiologischem Wert, nicht allein an der Funktion als Nahrungsmenge, oder der Trennug von Bio und Nicht-Bio.
Rechercheaufruf
Wir suchen stachellose Sorten und Varietäten des Szechuanpfeffers (Zanthoxylum spp.), wie sie bei verschiedenen Arten im asiatischen Raum vorkommen. Zu diesem Thema existiert eine wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel “Varieties and Resources of Thornless Prickly Ash in China”, die online auf chinesisch verfügbar ist.
Neben selektierten Sorten verschiedener frostharter Arten gibt es auch eine natürliche Varietät des japanischen Szechuan-Pfeffers. Zanthoxylum piperitum var. inerme (teils fälschlich als var. inermis bezeichnet). Das lateinische inerme bedeutet „unbewaffnet“ und wird botanisch für die dornenarme bis dornenlose Varietät verwendet – eine Eigenschaft, die in vielen Gattungen der Pflanzenwelt vorkommt und für den zukünftigen Erwerbsanbau wegen der besseren Handhabung bzw. Ernte besonders interessant ist.
Wer Zugang zu solchen Sorten und/oder Varietäten hat, kann sich gerne bei mir melden unter info@permatur.org. Sorten werden in der Regel vegetativ (Pflanze oder Edelreis/Steckholz) vermehrt, die natürliche Varietät var. inerme hingegen auch generativ über Samen. Wer sich z.B. in botanischen Gärten aufhält kann gerne nach dieser Varietät Ausschau halten und den botanischen Garten erlaubterweise nach Samen fragen.
