Linden (Tilia) als einheimisches und vielseitig verwendbares Lebensmittel

Linden (Tilia) sind aussergewöhnliche Nutzbäume der gemässigten Klimazonen, bei denen fast alle Pflanzenteile – insbesondere die Blätter, Blüten und Früchte – für die menschliche Ernährung und Gesundheit genutzt werden können.

Empfehlenswerte Lindenarten für die Ernährung

Obwohl grundsätzlich alle Lindenarten als essbar gelten, variieren Textur und Geschmack je nach Art. Folgende Arten kommen am ehesten in Betracht:

Lindenart Kulinarische Verwendung
Winter-Linde (Tilia cordata) Sie gilt oft als Favorit, da ihre Blätter eine besonders angenehme Textur und einen feinen Geschmack aufweisen.
Sommer-Linde (Tilia platyphyllos) Ebenfalls weit verbreitet und sowohl für die Blatt- als auch die Blütennutzung sehr gut geeignet.
Holländische Linde (Tilia x europaea) Ein Hybrid aus Winter- und Sommerlinde, dessen junge Blätter sich hervorragend für Sandwiches eignen.
Amerikanische Linde (Tilia americana) Sie besitzt sehr grosse Blätter, die roh verzehrt werden können, und ihre Früchte dienten historisch als Schokoladenersatz.
Krim-Linde (Tilia x euchlora) Ein Hybrid aus der Winter-Linde und der Kaukasischen Linde (Tilia dasystyla). Die oft noch als Tilia x europaea Euchlora bezeichnet wird. Liefert ebenfalls schmackhafte Salatblätter.

Ich persönlich bevorzuge bisher die Blätter der Krim-Linde, deren Blätter man eine lange Zeit ernten kann als Salat. Blätter aus eher halbschattigeren bis schattigeren Bereichen sind milder und zarter mit weniger Härrchen als Blätter die einen sehr sonnigen Standort haben. Daher lohnt es sich an einem Baum Blätter von mehreren Bereichen zu probieren. Hier eine verlinkte dynamische Karte mit verschiedenen Linden-Arten und -Sorten, im Stadtgebiet der Stadt Zürich. Darin kommen alle 5 Erwähnten Lindenarten und -hybriden vor.

Zubereitungsmöglichkeiten

Die Blätter (Speiselaub)

Junge Lindenblätter füllen im Waldgarten dieselbe Nische wie Kopfsalat und sind weich, mild und leicht schleimig (mucinös).

  • Rohkost: Frisch geschobene, hellgrüne Blätter können direkt vom Baum gegessen, in Sandwiches verwendet oder als Basis für Mischsalate (z. B. mit Äpfeln und Nüssen) dienen.

  • Gekochtes Gemüse: Die Blätter können wie Spinat gedämpft oder in Suppen als Bindemittel verwendet werden.

  • Einwickeln: Grössere, aber noch zarte Blätter eignen sich zum Einwickeln von Füllungen (ähnlich wie Weinblätter oder zur Herstellung von tamale-artigen Speisen).

  • Linden-Pesto: Aus den jungen Blättern lässt sich ein feines Pesto herstellen.

  • Mehlersatz: Getrocknete und pulverisierte Blätter dienten historisch als Streckmehl für Brot oder Eintöpfe.

Die Blüten

  • Tee: Die bekannteste Verwendung ist der Lindenblütentee, der aus frisch geöffneten oder getrockneten Blüten (oft mitsamt den Hochblättern) bereitet wird.

  • Aromatisierung: Frische Blüten veredeln Salate, Speiseeis, Gelees, Konfitüren oder werden zur Aromatisierung von Spirituosen und Gebäck genutzt.

  • Sirup: Durch langes Köcheln der Blüten mit Zucker kann ein honigartiger Sirup gewonnen werden.

Die Früchte und Samen

  • „Linden-Schokolade“: Aus den unreifen Früchten und einigen Blüten kann eine Paste gemahlen werden, die in Aroma und Konsistenz stark an Schokolade erinnert.

  • Kaffee-Ersatz: Die Samen können geröstet und zu einem kaffeeähnlichen Getränk gemahlen werden.

  • Ölgewinnung: Aus den Nüsschen lässt sich ein hochwertiges Speiseöl gewinnen (Ölgehalt bis zu 34 %).

Nährwerte und Inhaltsstoffe

Lindenprodukte gelten als hochgradig nahrhaft.

  • Blätter: Sie sind reich an Protein (insbesondere im jungen Stadium) sowie an Mineralstoffen und Vitaminen.

  • Blüten: Diese enthalten ca. 3 % Schleimstoffe, Zucker, Wachs, Gerbstoffe, Aminosäuren sowie Flavonoide (wie Quercetin und Kaempferol) und Spuren von ätherischen Ölen.

Medizinische Wirkung

Die Linde hat eine lange Tradition in der Volksheilkunde:

  • Blüten (Tiliae flos): Sie wirken schweisstreibend (diaphoretisch), schleimlösend (expectorant), krampflösend, harntreibend und beruhigend. Sie werden bei Erkältungen, Grippe, Bluthochdruck, Arterienverkalkung und nervöser Unruhe eingesetzt.

  • Lindenholzkohle: Medizinische Kohle aus Lindenholz wird bei Vergiftungen, Blähungen und starkem Durchfall genutzt, da sie Giftstoffe im Verdauungstrakt absorbiert.

  • Äusserliche Anwendung: Warme Lindenblütenauszüge werden als Kompressen zur Entspannung der Augenlider oder zur Pflege der Haut verwendet.

Wichtiger Erntehinweis: Um kontinuierlich zarte Blätter zu erhalten, empfiehlt es sich, die Bäume regelmässig „auf den Stock“ (Coppicing) oder „auf Kopf“ (Pollarding) zu schneiden, was den Neuaustrieb stimuliert.

Ein wichtiger Hinweis!:

Beim Entdecken und Probieren essbarer Pflanzen betritt man – wie in der Küche – ein Feld eigener Erfahrung und Verantwortung. Menschen reagieren individuell, und nicht jede Art wird von jedem gleichermaßen vertragen. Die Entscheidung, Pflanzen zu probieren oder zu verwenden, liegt daher bei der jeweiligen Person und setzt eine sichere Bestimmung voraus. Der Verzehr erfolgt grundsätzlich in eigener Verantwortung.

Zurück
Zurück

Essbare Magnolien (Magnolia) – zwischen Evolutionsgeschichte, Gestaltung und Nutzung

Weiter
Weiter

Ulmen (Ulmus) als einheimisches Fruchtgemüse im Frühjahr