Essbare Magnolien (Magnolia) – zwischen Evolutionsgeschichte, Gestaltung und Nutzung
Magnolien (Magnolia spp.) gelten in Mitteleuropa vor allem als spektakuläre Ziergehölze. Ihre grossen, oft intensiv duftenden Blüten markieren im Frühjahr einen beinahe theatralischen Saisonauftakt. Kaum ein anderes Gehölz inszeniert den Übergang vom Winter in die Vegetationszeit so deutlich.
Weniger bekannt ist, dass einzelne Arten und Sorten essbar sind, das gilt für ihre fleischigen Blütenblätter und Blütenknospen. In einem Gartenverständnis, das Zier, und Nutzpflanzen nicht strikt trennt, wird die Magnolie damit zu einem Gehölz mit mehrfacher Funktion: gestalterisch wirksam, ökologisch ergänzend und kulinarisch nutzbar.
Magnolien verbinden evolutionsgeschichtliche Besonderheiten mit praktischer Verwendbarkeit und eröffnen damit ein bisher wenig beachtetes Potenzial innerhalb gestalteter Pflanzungen.
Evolutionsgeschichtliche Stellung
Magnolien zählen zu den ursprünglichsten heute lebenden Blütenpflanzen. Sie sind keine Übergangsform zwischen Nadel, und Laubbäumen. Trotz ihrer zapfenähnlichen Fruchtform zählen sie zu den Bedecktsamern (Angiospermen) mit einem Fruchtknoten. Ihr „archaisches“ Erscheinungsbild beruht darauf, dass sie Merkmale frühzeitlicher Blütenpflanzen bewahrt haben.
Die Magnoliidae gelten als eine der ursprünglichsten Gruppen der bedecktsamigen Pflanzen (Angiospermen), die insgesamt etwa 250.000 Arten umfassen. Innerhalb der Magnoliaceae werden heute, nach molekulargenetischen Untersuchungen, nur noch zwei Gattungen unterschieden: Magnolia (mit über 200 Arten) und Liriodendron (Tulpenbäume mit je einer Art in Ostasien und Nordamerika).
Typisch für die Magnoliales sind ursprüngliche Blütenmerkmale wie spiralig angeordnete Blütenorgane, eine oft grosse Anzahl an Staub, und Fruchtblättern sowie eine deutlich gestreckte Blütenachse.
Merkmale
Habitus, Zweige, Knospen
Magnolien sind ausschliesslich verholzende Pflanzen, meist Bäume oder Sträucher, sommer, oder immergrün. Ihre Wuchshöhe reicht von etwa 3 m bis über 30 m. Die Rinde ist oft lange glatt und silbrig, grau, im Alter teils gefurcht.
Die Zweige sind vergleichsweise dick, mit vollem Mark und häufig aromatisch duftend. Charakteristisch ist, dass die Knospen von einer einzigen, kapuzenartigen Schuppe umgeben sind, die aus verwachsenen Nebenblättern besteht und beim Austrieb früh abfällt.
Blätter
Die Blätter sind einfach, ganzrandig und wechselständig angeordnet. Sie können sommer, oder immergrün sein. Immergrüne Arten besitzen meist dicke, ledrige, oberseits glänzend dunkelgrüne Blätter, die zwei Vegetationsperioden überdauern.
Die Blattgrösse variiert stark: von kleinen Blättern (4–14 cm) bis zu riesigen Blattspreiten von 80 cm oder mehr bei Grossblatt, Magnolien. Grosse Nebenblätter umhüllen die Sprossspitze schützend und hinterlassen beim Abfallen eine charakteristische Narbe am Zweig.
Blüten
Magnolien besitzen grosse, meist duftende und auffällige Blüten, die einzeln an den Triebenden stehen. Die Blütenhülle ist nicht in Kelch, und Kronblätter gegliedert, stattdessen bestehen die Blüten aus spiralig angeordneten, oft zahlreichen Blütenhüllblättern (Tepalen).
Ebenso zahlreich sind die Staubblätter und die freien Fruchtblätter, die auf einer verlängerten Blütenachse sitzen, ein ursprüngliches Merkmal. Magnolien werden überwiegend von Käfern bestäubt. Die Blüten sind meist vorweiblich (proterogyn) und dadurch weitgehend selbststeril.
Einige Arten öffnen ihre Blüten bereits vor dem Blattaustrieb.
spiralige Anordnung der Blütenorgane
eine undifferenzierte Blütenhülle aus Tepalen statt klar getrenntem Kelch und Krone
zahlreiche freistehende Staub, und Fruchtblätter
die Anzahl der Blütenblätter kann variieren
Die ursprüngliche Bestäubung durch Käfer verweist auf ihre frühe Stellung innerhalb der Bedecktsamer. Auch die zapfenartigen Sammelfrüchte erinnern formal an ältere Pflanzengruppen, sind jedoch nicht essbar.
Biogeographisch ist die Gattung disjunkt zwischen Ostasien und Nordamerika verbreitet, ein typisches Muster tertiärer Reliktflora.
Früchte
Aus den freien Fruchtblättern entstehen ein, bis mehrsamige Balgfrüchte, die sich bei Reife öffnen. Die Samen besitzen eine auffällige, oft rot, oder rosa gefärbte äussere Samenschale (Sarkotesta).
Die einzelnen Früchtchen bilden zusammen eine zapfen, oder kolbenähnliche Sammelfrucht. Zur Samenverbreitung tragen vor allem Vögel bei, die den fleischigen Samenmantel verdauen und die unbeschädigten Samen wieder ausscheiden.
Artenvielfalt und gärtnerische Linien
Die heute kultivierten Magnolien gehen überwiegend auf ostasiatische und nordamerikanische Arten zurück. Nachfolgend sind frostharte Arten und bedeutende Hybriden mit Sorten aufgeführt.
Ostasiatische Arten
| Deutscher Name | Botanischer Name |
|---|---|
| Campbell-Magnolie | Magnolia campbellii |
| Zylinder-Magnolie | Magnolia cylindrica |
| Yulan-Magnolie, Nackt-Magnolie | Magnolia denudata, syn. heptapeta ²ʼ³ |
| Kobushi-Magnolie | Magnolia kobus ²ʼ³ |
| Purpur-Magnolie, Lilien-Magnolie | Magnolia liliiflora, syn. quinquepeta ⁶ |
| Grossblättrige Japan-Magnolie | Magnolia obovata, syn. hypoleuca ²ʼ³ |
| Arznei-Magnolie, Houpo-Magnolie | Magnolia officinalis |
| Geflügelte-Frucht-Magnolie | Magnolia pterocarpa ² |
| Weidenblättrige Magnolie | Magnolia salicifolia |
| Siebolds Magnolie, Sommer-Magnolie | Magnolia sieboldii |
| Sprenger-Magnolie | Magnolia sprengeri |
| Stern-Magnolie | Magnolia stellata |
Nordamerikanische Arten
| Deutscher Name | Botanischer Name |
|---|---|
| Gurken-Magnolie | Magnolia acuminata |
| Immergrüne Magnolie, Grossblütige Magn. | Magnolia grandiflora ²ʼ³ |
| Grossblättrige Magnolie | Magnolia macrophylla |
| Schirm-Magnolie | Magnolia tripetala |
| Lorbeer-Magnolie, Sumpf-Magnolie | Magnolia virginiana |
Bedeutende Hybriden
| Deutscher Name | Botanischer Name |
|---|---|
| Brooklyn-Magnolie | Magnolia x brooklynensis, aus M. acuminata x M. liliiflora |
| Kew-Magnolie | Magnolia x kewensis ⁷, aus M. kobus x M. salicifolia |
| Löbner-Magnolie | Magnolia x loebneri, aus M. kobus x M. stellata |
| Tulpen-Magnolie | Magnolia x soulangeana¹, aus M. denudata x M. liliiflora |
| Thompson-Magnolie | Magnolia x thompsoniana, aus M. virginiana x M. tripetala |
| Veitch-Magnolie | Magnolia x veitchii, aus M. campbellii x M. denudata |
Gerade in diesen Kreuzungen verbinden sich unterschiedliche Aromaprofile, ein Aspekt, der gärtnerisch selten berücksichtigt wird, kulinarisch jedoch relevant sein kann.
Herkunft und historische Entwicklung
Während der Eiszeiten verschwanden Magnolien weitgehend aus Europa, da geeignete Rückzugsräume fehlten. In Ostasien hingegen erlaubten komplexe Gebirgssysteme klimatische Nischen, in denen zahlreiche Arten überdauern konnten. Die heutige Vielfalt in China ist daher evolutionsgeschichtlich erklärbar.
Erst im 18. Jahrhundert wurden Magnolien wieder nach Europa eingeführt. Zunächst galten sie als botanische Kostbarkeiten in Sammlergärten, später als repräsentative Solitärgehölze in Parkanlagen und Villengärten des 19. Jahrhunderts. Ihre Rolle blieb dabei fast ausschliesslich ästhetisch. Die Möglichkeit einer kulinarischen Nutzung wurde kaum wahrgenommen und ist bis heute gartenkulturell wenig etabliert.
Ökologischer Wert
Magnolien blühen früh im Jahr und stellen Pollen für Käfer und frühe Wildbienen bereit. Obwohl sie in Mitteleuropa nicht heimisch sind, können sie in strukturreichen Pflanzungen einen Beitrag zur frühen Nahrungsbereitstellung leisten. Ihr ökologischer Wert liegt weniger in spezialisierten Wechselwirkungen als in zeitlicher Ergänzung und struktureller Vielfalt.
Kulinarischer Wert
Kulinarisch genutzt werden vor allem die Blütenblätter und teilweise die Knospen. Sie enthalten ätherische Öle mit einem Aromenspektrum, das an Ingwer, Kardamom oder Nelke erinnert, begleitet von einer leichten Bitterkeit. Die Nutzung ist saisonal begrenzt, meist zwei bis drei Wochen, abhängig von Art, Sorte und Witterung. Einige Arten wie die Grossblättrige Magnolie (Magnolia macrophylla) blühen erst im Frühsommer und erweitern dieses Zeitfenster.
Geschmacklich zeigen sich deutliche Unterschiede. Ein hoher Anteil von Magnolia liliiflora führt häufig zu mehr Würze und Schärfe, während Magnolia denudata mildere, fleischigere und blumigere Noten einbringt. Linien mit Magnolia acuminata können vegetale oder leicht bittere Töne entwickeln. Duftstarke Abstammungen, etwa mit Anteilen von M. campbellii, verstärken das florale Profil, ohne zwingend Schärfe zu erzeugen.
Geschmackstabelle von Magnolien: ⁷
| Art / Hybrid / Sorte | Blumig | Kardamom | Zitrone | Chili | Ingwer | Gurkig | Allgemeine Angaben |
|---|---|---|---|---|---|---|---|
| Magnolia acuminata | ✓ | vegetale | |||||
| Magnolia campbelii | ✓ | ✓ | stärker florales Profil, seifig, zitronig | ||||
| Magnolia cylindrica | ✓ | mild, nichts besonderes | |||||
| Magnolia denutada, syn. heptapeta | ✓ | milde Gurke, leicht Wasabi, fleischig, blumig | |||||
| Magnolia kobus | ✓ | ✓ | nach Lavendel und Zitrone, sehr gut zu Kuchen | ||||
| Magnolia liliifolia, syn. quinquepeta | ✓ | würziger, schärfer | |||||
| Magnolia salicifolia | ✓ | ✓ | Erdbeer-Ingwer, Parma-Veilchen | ||||
| Magnolia spengeri | ✓ | ✓ | sehr lecker nach Gurke und Zitrone | ||||
| Magnolia x kewensis | ✓ | ✓ | ✓ | ✓ | leichter und milder Mangogeschmack | ||
| Magnolia x loebneri Raspberry Fun | ✓ | Lavendel, seifig | |||||
| Magnolia x soulangeana | ✓ | Bitterorange, säuerlich, schwarzer Pfeffer | |||||
| Magnolia x thompsoniana | ✓ | fliederartig, sehr seifig | |||||
| Magnolia Heaven Scent (Multi-Hybr.) | ✓ | sehr kardamomreich | |||||
| Magnolia Pickford Pearl (Multi-Hybr.) | ✓ | mild, pikant | |||||
| Magnolia Pickford Ruby (Multi-Hybr.) | ✓ | ✓ | Kardamom, Bitterzitrone |
Verwendungsmöglichkeiten
roh im Salat
in Salz fermentiert
in Essig eingelegt
kurz frittiert
zur Aromatisierung von Sirup oder Zucker
Praktische Hinweise
nur unbehandelte Blüten verwenden
keine Ernte an befahrenen Strassenstandorten
junge, frisch geöffnete Blüten sind meist ausgewogener
Bitterkeit lässt sich durch Säure (Essig) oder Fett (Butter/Öl) ausgleichen
Kurze Fermentation (2–3 % Salz, 24–72 h) rundet Schärfe
Rezept einer Magnolien-Limonade:
Zutaten:
15 Magnolien-Blüten
1kg Zucker
1L Wasser
5gr Zitronensäure oder 3 Zitronen
1-2 Kardamomkapseln
Vorgang:
Alles aufkochen und über die Blüten gießen 3 Tage ziehen lassen (kühl)
Abfingern.
Erhitzen und abfüllen
Viele weitere Rezepte und Informationen findet man auf:
Das Essgarten Kochbuch - Überraschende Rezepte mit Funkie, Magnolie & Co.⁴, von Heike & Frederik Deemter
Liste essbarer Magnolienblüten, (auf englisch) von Robin Harford, mit seiner aufschlussreichen Seite www.eatweeds.co.uk
Riding a Horse to Find Magnolia Liliflora Blossoms ⁵; ein Video der Chinesischen Bloggerin Liziqi
Medizinischer Wert
Vor allem Magnolia officinalis besitzt eine lange Tradition in der chinesischen Medizin. Die Rinde enthält unter anderem Magnolol und Honokiol. Ihnen werden anxiolytische, entzündungshemmende, antibakterielle und verdauungsfördernde Eigenschaften zugeschrieben.
In Europa spielte diese medizinische Nutzung bislang kaum eine Rolle. Mit zunehmendem Interesse an phytotherapeutischen Wirkstoffen gewinnt sie jedoch an Aufmerksamkeit.
Gegen Bluthochdruck (Hypertonie): ⁶
Magnolie (Magnolia virginiana, M. glauca, M. acuminata und M. tripetala)
Pflanzenteile: Wurzel und Stammrinde.
Dosierung: Pulver l bis 1,5 Teelöffel voll vier- bis fünfmal täglich. Tee: l Teelöffel Pulver auf l Tasse kochendes Wasser vier- bis fünfmal täglich. Tinktur: 10 bis 30 Tropfen drei- bis viermal täglich.
Quellen:
[1] Hu, S. (2005) Food Plants of China. Hong Kong: Chinese University Press.
[2] Heike & Frederik Deemter: Das Essgarten Kochbuch - Überraschende Rezepte mit Funkie, Magnolie & Co
[3] Facciola, S. (1998) Cornucopia II: A Source Book of Edible Plants. Vista, CA: Kampong Publications.
[4] Liziqi: Riding a Horse to Find Magnolia Liliflora Blossoms
[5] Heinz J. Stammel (2000): Die Apotheke Manitous - Das Heilwissen der Indianer
[6] https://www.handmadeapothecary.co.uk/blog/2019/3/16/magnolia-a-foraged-spice-cupboard
[7] Sturtevant, E. L. (1972) Sturtevant’s Edible Plants of the World. New York: Dover Publications.
[8] Standley, P. C. & Steyermark, J. A. (1949) Flora of Guatemala. Fieldiana. Chicago, Ill.: Chicago Natural History Museum.
[9] Kunkel, G. (1984) Plants for Human Consumption: An Annotated Checklist of the Edible Phanerogams and Ferns. Koenigstein: Koeltz Scientific Books.
Ein wichtiger Hinweis!:
Beim Entdecken und Probieren essbarer Pflanzen betritt man – wie in der Küche – ein Feld eigener Erfahrung und Verantwortung. Menschen reagieren individuell, und nicht jede Art wird von jedem gleichermaßen vertragen. Die Entscheidung, Pflanzen zu probieren oder zu verwenden, liegt daher bei der jeweiligen Person und setzt eine sichere Bestimmung voraus. Der Verzehr erfolgt grundsätzlich in eigener Verantwortung.